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Don't stereotype me!

Vorurteile gegenüber Deutschen

| Freizeit

Die gängigsten Vorurteile und Stereotypen über Deutsche und ein prüfender Blick darauf, wie viel Wahrheit wirklich hinter ihnen steckt.

Deutschland ist ein Land voller Klischees, Vorurteile und Stereotypen. Als Studentin, die selbst bereits ein Auslandssemester in einem Land absolviert hat, welches sich von der Kultur und Mentalität nicht mehr von Deutschland unterscheiden könnte, kann ich das absolut bestätigen. Während manche Vorurteile ziemlich überzogen und verfälscht sind, könnte das ein oder andere auch ein Abbild der (bitteren) Realität sein – ich habe die gängigsten und für euch wichtigsten Vorurteile einmal heraus gesucht und überprüft, wie viel Wahrheit dahinter steckt. 

Vorab sei gesagt: So wie bei allen anderen Vorurteilen gegenüber anderen Ländern auch, kann man nicht alles pauschalisieren und stets auf alle Landsleute beziehen. Und doch gibt es Vorurteile, in denen etwas mehr und andere, in denen etwas weniger Wahrheit steckt. Macht euch euer eigenes Bild:

Erstes Vorurteil: Deutsche sind immer pünktlich, halten stets Ordnung und sind durchorganisiert

Deutsche hassen Unpünktlichkeit, dies ist Fakt. Und dies führt unweigerlich zu der Tatsache, dass die Geduld und Toleranzgrenze bei Unpünktlichkeit schnell erreicht ist. Ob privat, in der Universität oder auf der Arbeit – Unpünktlichkeit fängt schon bei 5 Minuten an und wird von den meisten Deutschen als unhöflich oder gar unmöglich abgestempelt. Kommt also lieber ein paar Minuten zu früh, wenn ihr einen guten Eindruck bei Deutschen hinterlassen wollt. Ordnung findet im deutschen Alltag ebenfalls einen hohen Stellenwert! Beispielsweise ist die große Bürokratie in Deutschland zwar lästig, lässt jedoch auch Vieles am Ende einfacher funktionieren. Wir mögen es einfach, wenn alles in geordneten Bahnen verläuft und wir alles durchplanen können – damit Risiken gemindert werden können und keine unvorhergesehenen Probleme entstehen. Dies betrifft gerade auch das Uni- und Arbeitsleben: Wir haben Systeme und Programme für alles und manchmal bräuchte man erstmal eine Einführung in Tools, die eigentlich nur begleitend und unerlässlich für das allgemeine Studium sind. Vorteil auch hier: Es funktioniert (fast) alles einwandfrei und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, geht Vieles um Einiges schneller und einfacher. Ich selbst habe diese Ordnung vermisst, als ich im Ausland war – obwohl ich sie vorher eher als negativen Aspekt der deutschen Mentalität ansah.

Ausnahme Pünktlichkeit: An vielen Universitäten wurde die inoffizielle „akademische viertel Stunde“ eingeführt: Falls auf eurem Stundenplan steht, dass eure Vorlesung um 11 Uhr anfängt und um 13 Uhr endet, beginnt sie erst um 11:15 Uhr und hört auch schon um 12:45 Uhr auf. (Tipp: Erkundigt euch lieber nochmals an eurer Universität, ob diese Regelung auch dort gilt oder ihr lieber doch um Punkt 11 Uhr in eurer Vorlesung erscheinen solltet)

Zweites Vorurteil: Deutsche sind kühl, reserviert oder gar unfreundlich

Auch als (stolze) Deutsche muss ich leider zugeben: Reserviertheit ist ein Vorurteil, welches selbst ich durch Aussagen meiner ausländischen Freunde gegenüber unserem ersten Kennenlernen und auch nach der Wiederkehr aus meinem Auslandssemester, zum Teil bestätigen kann – Unfreundlichkeit hingegen gar nicht. Wenn wir auf Fremde treffen, wirken wir vor allem durch unseren „distanzierten“ Handschlag“ etwas kühl. Das liegt aber meines Erachtens eher daran, dass wir länger brauchen, um mit Leuten warm zu werden und uns vorsichtig bei dem Kennenlernen voran tasten. Dies betrifft aber auch eher das erste Kennenlernen. Im Allgemeinen würde ich behaupten, Deutsche und vor allem junge Leute und Studenten nehmen gerade Leute aus dem Ausland sehr freundlich auf und versuchen ihnen das Gefühl zu geben, herzlich willkommen in Deutschland zu sein. An Universitäten in Deutschland ist zudem das Gemeinschaftsgefühl von großer Bedeutung und heimische Studenten sind meist sehr aufgeschlossen gegenüber Auslandsstudenten und interessiert an ihren Erfahrungen und Ansichten.

Unfreundlich dagegen sind in Deutschland genau so viele Leute, wie es im Ausland auch sind: Von ihnen gibt es immer Einige aber längst nicht genug um ein gesamtes Land als unfreundlich zu betiteln.

Drittes Vorurteil: Das Leben der Deutschen besteht aus Arbeit, Arbeit, Arbeit (und Disziplin, Leistung und Erfolg)

Erwischt. Wir Deutschen arbeiten ganz schön viel. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass ein großer Teil der Deutschen sich vom Arbeitsplatz zusätzliche Arbeit mit in den wohl verdienten Feierabend oder sogar den Urlaub nimmt. Grundsätzlich würde ich diese tüchtige Eigenschaft eher als zwar bestätigtes aber trotzdem positives Vorurteil nennen. Diszipliniert arbeiten und immer eine gute Leistung und einen gewissen Erfolg zu erzielen, kann ja auch karrieretechnisch dem Individuum selbst, als auch der Gesamtheit (wirtschaftlich, finanziell und fortschrittlich) zu Gute kommen.

Nicht umsonst werden deutsche Abschlüsse international hoch anerkannt und die Lehre bzw. Bildung selbst, gilt in Deutschland als eine der Besten weltweit. Ihr müsst euch also keine Gedanken darum machen, dass ihr bei eurem Auslandssemester nicht genug lernt. Gerade in wirtschaftlichen und Ingenieurs-geprägten Studiengängen habt ihr in Deutschland gute Chancen auch langfristig für die Zukunft Wissen zu erlangen, das euch in späteren Jobs von Nutze sein kann. Eventuell könnt ihr sogar einen Job mit Zukunftsperspektive nach eurem Auslandsstudium in Deutschland ergattern. In diesen Bereichen werden nämlich dringend Leute gesucht und stetig gebraucht.

Aber auch hier gilt wie in fast allen Bereichen: Alles in Maßen, nicht in Massen. Viel und diszipliniertes Arbeiten ist zwar eine Eigenschaft der Deutschen, die überall sehr wertgeschätzt wird, sorgt aber auch dafür, dass durch den enormen Druck, immer mehr und besser arbeiten zu wollen, andere Lebensbereiche manchmal etwas zu kurz kommen. Beispielsweise ist die Anzahl der Deutschen, die durch die Arbeit oder auch das Studium (!) an Burnout erkrankt sind in den letzten Jahren rasant gestiegen und sollte zu denken geben. 

Sobald die Lebensqualität schwindet, sollte man also lieber einen Gang herunter fahren und mehr auf sein eigenes Wohl achten, als mehr Anerkennung zu bekommen oder eine größere Summe auf dem Kontostand zu haben.

Viertes Vorurteil: Deutsche trinken nur Bier und essen jeden Tag Sauerkraut und Kartoffeln

Eines der größten Vorurteile, die andere Länder gegenüber Deutschen haben: Biertrinker, die Kartoffeln und Sauerkraut in Tonnen verschlingen. Ich muss zugeben, Bier schmeckt uns wirklich besonders gut – das liegt aber mitunter auch daran, dass wir das Talent besitzen, ein wirklich gutes Bier zu brauen. Und da wir so gutes Bier im eigenen Lande haben (in etlichen Ausführungen und von den verschiedensten Brauereien) schmeckt es auch köstlich zu einem deftigen, typisch deutschen Essen: Kartoffeln, Sauerbraten und Sauerkraut, Rotkohl oder Grünkohl. Auch wenn gerade die Beilagen wie Sauerkraut eher Geschmackssache sind, gilt deutsches Essen allgemein als leckeres Essen.

Kartoffeln sind hier wie die Nudeln in Italien oder der Reis asiatischen Ländern: Unerlässlich, aber auch lecker. Wer denkt, Kartoffeln können nur langweilig sein, hat noch nicht für eine längere Zeit in Deutschland gelebt und sich von jemandem beköstigen lassen, der die deutsche Küche beherrscht. Kartoffeln gibt es in allen Variationen, mit allen Soßen oder als altbekannte „Knödel“. Wenn ihr also ein Auslandssemester in Deutschland anstrebt, kommt ihr an typisch deutschem Essen genauso wenig vorbei, wie an frisch gezapftem, deutschen Bier. Typisch deutsches Essen findet ihr sogar schon in den meisten Mensen in deutschen Universitäten – neben großer Auswahl an kulinarischen Köstlichkeiten gibt es dort nämlich auch oft typisch deutsche Speisen für wenig Geld. Dieses Vorurteil wäre somit bestätigt - wobei wir natürlich nicht jeden Tag Bier, Kartoffeln und Sauerkraut zu uns nehmen. Man muss jedoch zugeben: Es könnte schlimmere Vorurteile geben. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Niemand aus dem Ausland hat sich bis jetzt über unser Bier beschwert (im Gegenteil) – und demnach auch nicht darüber, dass wir es in Massen besitzen (… und trinken).

Ob charakterlich, auf die Arbeitsmoral oder das Ess- und Trinkverhalten bezogen – Vorurteile, in denen manchmal mehr Wahrheit steckt als gedacht, müssen nicht immer zwingend etwas Schlimmes sein. Vieles kann man mit Humor nehmen und vieles kann man auch nicht bezüglich aller Deutscher verallgemeinern. Im Grunde sind wir doch umgänglicher und offener, als durch Stereotype oft dargestellt – man muss nur offen genug sein, den Deutschen und ihrer Kultur ohne oder wenigstens mit weniger Vorurteile gegenüber zu treten und sich sein eigenes Bild machen. Und wenn ihr während eurer Auslandserfahrung doch mal auf einen kühlen, reservierten Deutschen treffen solltet – einfach ein gutes, deutsches Bier ausgeben. Das hat schon so manches Eis gebrochen!

Wer wissen möchte, welche anderen (mehr oder weniger ernsten) Vorurteile es noch gegenüber Deutschen gibt, der sollte mal einen Blick auf folgendes Buch werfen: CultureShock! Germany.